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Wenn man Einsamkeit lange genug erlebt, wird sie zwar nicht zur Gewohnheit – aber man arrangiert sich damit.
Wenn man Einsamkeit lange genug erlebt, wird sie zwar nicht zur Gewohnheit – aber man arrangiert sich damit.
Ich habe mich mit besagter Freundin getroffen. Denn irgendwie war es ja auch nett gemeint von ihr und Sophie hat recht, man kann nicht nur lernen und sich über das Lernen beschweren. Daher schlug ich ihr vor einen Kaffee trinken zu gehen, ich musste eh in die Stadt. Bücher austauschen. Kleinkram kaufen.
Es war extrem nett. Allein zu wissen, man kann den Nachmittag beruhigt freinehmen,. Das Pensum des Lernplans war mittags erledigt,. Endlich einmal wieder menschlich zurechtgemacht, verbrachte ich den ganzen Nachmittag mit ihr. Wir redeten, bummelten ein bißchen durch die Stadt, schmiedeten Zukunftspläne. Sie will auch hier bleiben, genau wie eine weitere Freundin von uns. Immerhin arbeitet ihr Freund auch hier.
Zu 100% damit angefreundet habe ich mich zwar noc h immer nicht, aber ich kann es mir mittlerweile vorstellen. Und heute bei 27° C auf dem Balkon war auch der Drang sofort auszuziehen weniger spürbar. Von einer eigenen Wohnung träume ich trotzdem noch. Jedes Zimmer anders eingerichtet, nach meinem Geschmack. Ich weiß schon genau, wie alles aussieht..
Momentan bekomme ich zwei Arten von Nachrichten. Die einen sind in etwa „Hallöööchen, wie geht’s??? Also ich bin wieder da, es war ja soooo cool in [bitte exotisches Land einfügen]! Musst du auch unbedingt mal hin! Lass uns doch mal was machen, Kaffee, Bier oder so – ich kann eigentlich immer aus Donnerstag nachmittags. Und von X. bis zum Y. bin ich in Paris/London/Barcelona/New York. Ciauiiii“.
Die anderen sind mehr so „Hey! Und, wie läuft Neuro? Mache gerade HNO. Is scheiße. LG“. Auch ohne viel Fantasie kann man sich vorstellen, dass letztere von meinen Hammerexamensmitstreitern kommen. Nun ist mir aufgefallen, dass ich nur die zweite Form beantworte. Den Rest nehme ich zur Kenntnis – und vergesse ihn. Unterbewusst scheine ich mich gerade irgendwie nicht mit Leuten befassen zu können, die nicht in meiner Situation sind. Das mag vielleicht falsch sein, denn Ablenkung ist ja gut, aber irgendwie bin ich es leid zu erklären, wie ich mich gerade fühle. Es ist eben leichter, wenn der andere es auch ohne Worte weiß, weil es ihm genauso geht.
Und was soll ich darauf auch antworten. „Heeeey, mir geht’s beschissen und ich kann nie, außer mittwochs, da kann ich besonders nicht!“?
Irgendwie bin ich mir sicher, dass die Freundschaften darunter leiden werden. Denn in einem halben Jahr ist es bei denen ja soweit, während wir schon arbeiten. Dann haben wir andere Probleme und sicherlich keine Lust uns das Geheule, das wir zurzeit verantstalten, noch mal anzuhören. Denn es betrifft uns ja nicht mehr. Man hat dann neues Geheule.
Und ja, es ist heulen auf hohem Niveau. Und nein, ich kreuze nicht so unglaublich schlecht, dass ich mich gleich wieder abmelden sollte vom Examen. Trotzdem möchte ich gerade eben nicht bei einem Bier hören wie supertoll es in [bitte exotisches Land einfügen] ist. Isso.
Das eine Wort, welches mein Gedächtnis derzeit perfekt beschreibt. Jeden Tag lerne ich irgendetwas neues und scheine damit auch ohne Umwege das Wissen von gestern zu überschreiben. (Datenschutz technisch sollte Microsoft mein Gehirn als Vorlage für ihre Betriebssysteme verwenden.)
Aber keine Sorge, dies ist kein Nörgelbeitrag. Man hat mir neben viel Mist im Studium nämlich ebenfalls erzählt, dass man etwas erst wirklich weiß, wenn man es 8x gelesen hat. Daher muss ich lediglich alles noch 7x durcharbeiten (vielleicht einiges aus weniger, völlig neu ist mir das meiste ja auch wieder nicht). Nur falls sich der eine oder andere fragt, was ich so den lieben langen Tag treibe.
Es ist noch Zeit, aber auch wieder nicht so viel alles so oft durchzugehen. Eigentlich ist gerade einmal Zeit alles einmal zu lesen und dann das wichtigste schnell zu wiederholen. Nun bin ich nicht gerade die Heldin im Entscheiden was “das wichtigste” ist, ich habe jetzt schon stapelweise Bücher aus der Bibliothek hier liegen. Die meisten werde ich unaufgeschlagen wieder abgeben. Nein, ich fühle mich nicht gut ausgebildet. Oder gut vorbeireitet auf die Prüfung. Oder auf alles danach, was mit der Prüfung zu gut wie nichts zutun haben wird.
Und wieder sitze ich da und frage mich, was ich die letzten 6 Jahre eigentlich gemacht habe und warum ich mein Studentenleben so wenig genossen habe, wenn es mir am Ende doch keinen Vorteil verschafft?
Blutentnahmen auf Station. Im Halbschlaf durch die Gänge. Freundliches “Guten Morgen!” in Zimmer mit verschlafenen Gestalten werfen.
Am besten sind die Zimmer mit 2-3 alten Opis. Immer lustig und auch um 7 Uhr schon hellwach.
In ein solches stolpere ich nun. Nehme Blut ab bei einem älteren Herren – ca. 70 Jahre. Er muss noch schnell was am Laptop machen. MacBookPro. Als er die Kopfhörer abnimmt und lächelt frage ich was er denn so mit dem Teil macht. (Ich bin nicht neidisch. Kaum.)
Hauptsächlich pokere er online, spiele schon deutsche Liga. Außerdem sei die Musik sein Hobby. Eine drölfionen Terrabite Musik habe er auf dem Ding, von den 20ern bis heute alles was es als MP3 gibt im Netz.
Wenn er im Krankenhaus liegt, bringen alle Professoren ihre Festplatten mit, um sich bei ihm Musik zu ziehen.
Zuhause legt er damit auch gerne auf, in seinen beiden Stammkneipen. Da wisse er ja auch was gut ankommt.
Nächstes Zimmer, auch älterer Herr, privat. In gewohnter Manier beginne ich ein Gespräch, wie er sich nun eigentlich genau das Bein gebrochen habe. Er holt aus, erzählt von der Wundheilungsstörung. Dann zückt er sein Samsung Galaxy SII und zeigt mir die Bilder, die er postop und im Verlauf von der Wunde gemacht hat. Latent beeindruckt verlasse ich die Station.
Aber meine Mutter drückt mich aus versehen weg, wenn ich sie mal auf dem Handy anrufe.
Ich war viel zu früh da. Eine Bahn später hätte es auch getan, mindestens. Immerhin ließ sich so alles vorher regeln, organisatorisch top – keine Frage. Nachdem alles besorgt war – Startnummer und Bändchen dafür, Unterlagen, Shirt – schlenderte ich noch einmal in Ruhe über das Gelände. Verwunderung, wie kann man denn vorher noch Pommes oder Currywurst essen? Wohl eher was für die Begleitung, die ich nicht vorzuweisen hatte.
Trotzdem war es spannend, ich war kurz vorher richtig aufgeregt. Beeindruckt sah ich die Siegerin über 5km nach 23 Minuten irgendwas ins Ziel preschen. Zugegeben, sie sah auch aus, als würde sie das öfter machen. Also öfter als ich. Eine Stunde später stehe ich also da, in einem Meer aus rosa, mit über 1600 anderen Frauen. Die Stimmung war klasse, die Sonne blitzte durch die Wolken. Mein Puls war jetzt schon zu hoch, das ganze Dilemma mit der Pulsuhr hätte ich mir sparen können.
Dann der Startschuss und alle rennen. Von Laufen konnte keine Rede sein, mein Puls schon jetzt bei 170/min und nicht runterzukriegen. Aber es ging und als ich das bemerkte, blieb ich in dem Tempo. Erhöhte sogar noch, überholte auf dem engen Waldweg zahlreiche Mädels. Zwei Küken waren für mich Pacemakerinnen, ich versuchte immer schön hinter ihnen zu bleiben. Ab dem 6km schwächelten sie, die Strecke bekam Hügel. Wie ich sie überholte merkte ich gar nicht, nur dass sie irgendwann weg waren und ich entschied, dass ich auch die letzten 2 km noch mit 185/min laufen könne.
Die Getränkeposten halfen. Auch wenn der Großteil des Wassers nicht unbedingt in meinem Mund landete. Die letzte Runde war fies, man sah das Ziel von hinten, musste aber noch einen Bogen herum laufen. Einige wurden langsamer, aber dafür war ich nicht hier. Auf den letzten Metern nochmal Vollgas und so schoss ich ins Ziel. Mit vielen anderen aber unter den ersten 500 und 5 Minuten schneller als im Training errechnet. Glücksgefühl. Schönes erstes Rennen. Denn das war es, kein Lauf, sondern ein Rennen.
15 Uhr, mitteldeutsche Notaufnahme. Ich nähe in Ruhe eine große Platzwunde am Kopf eines jungen Mannes, vielleicht Ende 20. Die Lokale hätte ich mir auch sparen können, er schlummert seelig auf der Liege. Hat sich zuvor schon selber ausreichend betäubt.
Vor dem Raum stehen vier Polizisten, nebenan redet mein Oberer gerade mit den Angehörigen. Gerade beim letzten Stich angekommen, erwacht mein Patient und wie gerufen erscheinen auch die Herrschaften von nebenan. Oder besser gesagt die Damen: Mutter, Schwester und Ehefrau – letztere beide etwa mein Alter.
Mein Oberer empfiehlt, dass der Gute eine Nacht bei uns bleibt. Die Mutter besteht darauf, die Schwester auch. Er will nicht. Hin und her. Er geht nach Hause. Auch wenn er keine Hose anhat, kaum laufen kann. Immer wieder lallt er, seine Familie würde sich kümmern. Getrunken habe er ja sowieso nicht und auch keine Tabletten genommen. Sie würden anrufen, wenn es ihm doch schlechter geht. Die Schwester sagt, sie würden ihn nicht mitnehmen. Er könne ja Bus fahren, ohne Hose. Die Frau beginnt zu weinen, schreit verzweifelt, rennt raus und knallt die Tür.
Zwingen können wir ihn nicht. Zu orientiert für uns, zu lieb und friedlich als dass die Polizei ihn mitnimmt. Nur zu Hause sei er der große Macker. Oder auf der Straße, mit den Kumpels. Er geht, die Mutter droht mit dem Vater, vor dem er ja so Angst hätte. Mir bleibt nur der Schwester zu sagen, sie könne jederzeit die Polizei rufen und ihn wegen Fremd- oder Eigengefährdung für 24 Stunden unterbringen lassen. Doch das weiß sie. Bringe aber nichts, sobald die Polizei da sei, mutiere der Herr Bruder zum Schäfchen – und die Beamten gehen wieder. In ihren Augen sehe ich, es ist ihr Alltag. Nichts neues, ganz normal und doch eine Katastrophe für die ganze Familie.
Ich habe schön genäht. Wahrscheinlich bleibt nicht einmal eine Narbe. Aber was bringt das am Ende schon?
Ob “Ich leb den Scheiß!” auch mit einer halben Stelle echt wirkt?