the trick is to keep breathing

keine Heldin. Dr. House mit Brüsten und Lächeln. läuft.

knock out

Wieder einmal kleines Päuschen, ich war krank und sitze für die Doktorarbeit viel am Schreibtisch, da geht der Rest oft leider etwas unter. Außerdem ist es bei mir privat gerade turbulent zu: ich habe einen neuen Freund, der es zwar offenbar ernst mit mir meint, aber oft mit seiner Exfrau aneinander gerät, vor allem wenn es um die gemeinsame Tochter geht. Ich habe kein Prblem damit, ich mag Kinder sehr und würde mich sogar freuen etwas gemeinsam zu unternehmen. Er hat aber Angst, weil die Kleine zu Hause immer von ihrer Mutter ausgequetscht wird und er nicht abschätzen kann, wie sie auf mich reagiert. Ich leide da jetzt nicht massiv drunter, mittlerweile lasse ich so etwas langsam angehen.Wir werden sehen wohin es sich entwickelt…

Durch die private Situation läuft es irgendwie auch im Job besser oder zumindest empfinde ich es so. Natürlich stolpere ich über die üblichen Tücken des 2. Jahres, selbstgemachte Problemchen, die alles mal passieren und im ersten Jahr noch nicht auftauchen, weil man mehr von seinem Oberarzt beäugt wird. Meine Lieblingschefin hat es gleich positiv gesehen: “Du bist halt jetzt schon groß und bekommst die richtig kranken, wenn alles immer easy läuft, dann lernst du ja nichts mehr.” Recht hat sie, und wirklich schlimme Sache passieren ja selten. Dafür hat man dann doch zuviel Backup, immer irgendeinen Oberen, der gerade zur Stelle ist und super Pflegepersonal, die die Iniative ergreifen und aus Jahrzehnten Erfahrung heraus genau das Richtige tun.

Durch die Krankschreibung musste ich einiges umplanen und geplante Dinge leider absagen, aber Gesundheit geht nunmal vor und die Zeit konnte ich für meine Promotion sinnvoll einsetzen. Ich rotiere demnächst wieder, obwohl mir die Zeit in der Orthopädie viel zu kurs vorkam. Ich habe vielleicht 5 Ischiadicuskatheter gelegt und 10 3 in 1 Blöcke gestochen, das erscheint mir doch sehr sehr wenig vor dem Hintergrund, dass ich dort vielleicht in 2 Jahren das nächste Mal hinrotiere. Was ich schon wieder in der Gyn soll weiß ich auch nicht genau, vielleicht weiter geburtshilfliche Narkosen sammeln, ich bin mal gespannt.

Fluch der Smartphones

Wenn eine Narkose eingeleitet ist und im Saal alles rund läuft, widmen wir uns normalerweise unserem Protokoll oder eben den kleinen Monitoringfeinheiten wie Cuffdruckmessung oder Relaxometrie. Wir gehen dann auch ans Saaltelefon, reichen der instrumentierenden Schwester am Tisch irgendetwas steril an und helfen auch sonst wo wir können, damit die ganze OP möglichst schnell und problemlos voran geht. Und manchmal helfen wir den chirurgischen Kollegen auch darüber hinaus, damit sie auf Kongressen und Weiterbildungen anderen Chirurgen zeigen können, wie großartig sie.

Dienstbedingt stand ich in der Unfallchirurgie als der Chef und ein leitender Oberarzt irgendein neues, großartiges und ganz innovatives OP-Verfahren bei einer Beckenfraktur durchführten. “Haben Sie so ein Iphone mit, mit dem man Fotos machen kann?” fragte mich der Chef plötzlich. “Naja, es ist kein Iphone, aber Fotos kann es trotzdem machen.” Er lachte und bat mich dann ganz nett für ihn ein paar OP-Schritte für die Nachwelt festzuhalten. Macht man natürlich. Was immer den großen Jungs hilft. Zum Glück unterstützte mich noch ein weiterer Kollege, der kurz vorm Facharzt steht, sodass ich mich voll auf meinen Fotojob konzentrieren konnte.

So musste ich so ziemlich jeden Schritt von 5 Perspektiven aufnehmen und als es hieß, mein Kollege macht weiter und ich solle woanders hin, wurde das sehr bedauert, ich durfte auch erst nach noch ein paar Bildern gehen. Jaja, wenn sie etwas von einem wollen…^^

Als ich dem Chef die Bilder mailte, bekam ich eine sehr begeisterte Email zurück, die Bilder seien super und ich hätte ihnen sehr geholfen. Manchmal gehört es eben auch zu unserem Job, der anderen Seite einen Gefallen zutun, sie bei Laune zu behalten und zu beruhigen, dass alles in Ordnung ist und wir uns ja kümmern, sie müssen nur operieren. So viel Gegenliebe ist zwar selten, aber wenn dann freut man sich umso mehr, wenn man mal nicht der Störenfried ist, weil die Einleitung länger dauert, wir keine Narkose bei einem Kind machen wollen, welches vor 4 Stunden im Burgerladen gegessen hat, oder wir über den Blutverlust schimpfen. Manchmal klappt es dann doch mit der Teamarbeit.^^

Nur meinen Saal & meine Ruhe…

Im Moment scheint es sehr ruhig um mich herum. Ich mache täglich meinen Saal, unterhalte mich in der Pause – oder auch nicht. Werde etwas zu Patienten gefragt, sage auch mal meine Meinung, wenn ich dazu befragt werde. Aber sonst halte ich mich zurück, mische mich nicht ein. Ich glaube meine Oberärzte meinen, ich hätte mich zum positiven verändert, mich “eingefügt” in das Team. Das stimmt nicht wirklich, ich bin nur ruhig geworden – ich rede kaum noch wirklich mit den Leuten. Small Talk über das Wetter, wie wir schon wieder auf OP-Team XY warten, wie Abteilung YZ wieder elektive Eingriffe im Dienst am Wochenende durchführte. Ja, alles doof, aber nützt ja nichts, muss ja.

Doch im Grunde ist mir das alles egal, ich bedanke mich für alles mögliche bei der Pflege und versuche sonst nicht aufzufallen. Natürlich mache ich meinen Job so gründlich wie immer und stelle mich sicher nicht dumm, damit sich Neider besser fühlen. Aber je mehr ich anfangs Thema war und plötzlich jeder auch private Dinge von mir wusste, desto weniger lasse ich zurzeit durchblicken. Und damit geht es mir erstaunlich gut. Die Arbeit macht Spaß, ich freue mich täglich auf den Feierabend und mein Sportprogramm, ich habe fast jedes Wochenende bis Juni verplant. Noch im PJ hat man mir gesagt, dass die Stadt, in der man arbeitet, nebensächlich sei, weil man ja eh fast nur in der Klinik ist und das der Mittelpunkt des Lebens wird. Das stimmt bei mir nicht, ich bin eben gerade froh, dass ich kaum Überstunden mache und Freunde außerhalb der Klinik habe. Denn es gibt nichts nervigeres als nach Feierabend weiter nur über die Arbeit zu reden. Darum ist es geradezu großartig, dass keiner meine Bike Jungs auch nur irgendwas mit Medizin zutun hat und alle meine alten Schulfreunde etwas anderes studiert haben.

So genieße ich erst einmal die Zeit, hoffe auf wärmere Temperaturen und warte ab, bis der nächste Oberarzt wieder “kurz mit mir sprechen” will, um meine Art, meine Person, meine Klamotten oder sonst etwas zu kritisieren und mir von Gerüchten über mich zu berichten, die so lächerlich sind, dass ich kaum glaube wie erwachsene Menschen sie für möglich halten.

Laaaangweilig!

Anästhesie ist doch total langweilig, da sitzt man doch nur rum und guckt auf Monitore! Ist doch so, oder? Viele Studenten würden jetzt mit Kopf nicken, aus der Einleitung passiert da doch echt nicht viel. Ich habe das auch mal so gesehen. Nach meiner Famulatur. Nettes Fach, lustige Leute, familienfreundlich – aber das jeden Tag machen?

Ich kann ganz ehrlich sagen, dass ich noch keinen einzigen Tag als fertige Ärztin so gedacht habe. Um die Gründe vielleicht ein bisschen nachvollziehbarer zu machen, hier einmal eine typische Narkose zu einer großen Bauchoperation, wie ich sie über ein halbes Jahr täglich betreut habe.

7:10 Uhr. Blick auf den OP-Plan – ah, Vollverkabelung. Die Frühbesprechung schenke ich mir, ich muss gleich runter, damit wir mit großen Einleitung rechtzeitig fertig sind. 8 Minuten später stehe ich in meinem Einleitungsraum, ach zum Glück Pfleger Steffen ist da. Alter Intensivpfleger, fachlich top, menschlich auch. Auch die Patientin ist schon da, Frau Müller. 86 Jahre jung, schnarcht mit einer Sauerstoffsättigung um die 88% vor sich hin. Protokoll zur Hand, erstmal gucken. Aha, internistisches Polytrauma, alles was man an Herz und Lunge so haben kann, Diabetes, Nierenfunktion dadurch eingeschränkt, Adipositas per magna. Die Sättingung geht auf 86%, die Prämed des jungen Kollegen aus der Ambulanz funktioniert schon einmal blendend. Blutdruck 180/110 mmHG. Ich wecke die Dame um mich vorzustellen und für die übliche Fragerunde, sie erschrickt kurz, lächelt dann. Sättigung steigt auf 93%, na immerhin. So, nun aber mal fix hingestzt, es muss erst der Schmerzkatheter im Rücken gemacht werden. Während Steffen und Frau Müller akrobatische Künststückchen zur korrekten Lagerung anstellen, suche ich den Laborzettel zwecks Gerinnung. Gibts nicht.

“Bin mal am PC, Gerinnung gucken.”

Beim Rausgehen hören ich noch Steffen die schwerhörige Frau Müller anbrüllen, dass es nun kalt am Rücken wird. Gerinnung gecheckt, ist ok, ASS 100 nimmt sie zwar weiter, aber Clexane wurde ausgestzt und (oh Wunder!) sogar ein Anti-Xa-Wert abgenommen wegen der Niereninsuffizienz. Wenn es jetzt noch Blutkonserven und ein Intensivbett gibt, bin ich jetzt schon schwer beeindruckt. Und es ist erst halb 8. Ich gehe zurück, ziehe mich steril an, bereite alles für den Periduralkatheter vor. Frau Müller sitzt kerzengerade vor mir, die Wirbelsäule lässt sich aufgrund des Körpergewichts nur erahnen. Steffen erklärt ihr wie sie sich hinsetzen muss, rückt sie ein paar mal richtig hin bis er sie schließlich verzweifelt in den Schwitzkasten nimmt, damit der Rücken wenigstens ein bisschen krum wird. Ich taste mich mit der Lokalen schon einmal vor: aha – Knochen, Knochen, Knochen. Irgendwann ist etwas wie ein Weg gefunden und ich beginne mit der Nadel+Kochsalzspritze langsam vorzustechen, wissend, dass bei jedem ruckartigen Vorschieben das Ding schon im Thorakalmark stecken könnte. Aber ich bin vorsichtig, das ist jeder dabei. Weil man die Hosen so voll hat. Mein Oberarzt schneit zur Tür rein.

“Na, bist du schon vor Ort?” – “Nein, überalle Knochen!” Ich suche noch ein bisschen, während ich im Augenwinkel sehe wie er sich steril anzieht. Und da ist er, der Loss of Resistence. Auf einmal gehts ganz leicht zu spritzen, wie in eine Viggo. Spritze abgedreht, bisschen NaCl läuft zurück. Aber wird weniger. “NOCHMAL KURZ NICHT BEWEGEN, FRAU MÜLLER!” brüllt Steffen. “Waaas, ich darf mich wieder bewegen?” “NEIN!!! SITZEN BLEIBEN!” brüllen wir drei wie aus einem Mund. Katheter rein, kurz einatmen lassen, läuft wie durch Butter, Nadel raus. Festkleben, hinlegen, und weiter. Ist ja schon viertel vor 8.

“Arterie wach?” fragt Steffen. Blutdruck ist auf 195/120 angestiegen. “Nein, macht mal schlafend.” sagt mein Oberarzt. “Ich bin mal drüben.”

Gut, Maske vor, tief atmen, ist nur frische Luft, gibt jetzt das erste Medikament, das macht schwummrig im Kopf. Sobald Frau Müller etwas merkt, fängt Steffen an zu spritzen. Wir müssen ja fertig werden.

“Mach bloß langsam!” – “Ja, ist ok. 100 sind drin.” – “Frau Müller? Holen sie noch einmal kräftig Luft!” Macht sie nicht mehr. Aber schläft nach Herzfrequenz und Lidreflex nach auch noch nicht. “Gib nochmal 30.” Maskenbeatmung geht einigermaßen, pfeift etwas an den Wangen, weil das Gebiss draußen ist. Steffen lagert schon den Arm für die Arterie.

“Willst du Rocuronium?” – “Nee, lass mal Cis nehmen, wegen der Niere.” Steffen legt eine Arterie während ich auf das Anschlagen des Muskelrelexans warte. Mir tut schon die Hand weh, fühlt sich an wie 10 Minuten. Die Stoppuhr am Beatmungsgerät sagt 2 Minuten. Hrmpf. Wir intubieren nachdem Steffen die Arterie angeschlossen und verpflastert hat. Blutdruck ist nun 70/47. Höchste Zeit mal zu intubieren. Steffen gibt trotzdem etwas Akrinor. Und nochmals 30mg Propofol. Intubieren geht easy, festkleben, draufhören, Gerät an, Gastopf aufdrehen. Ich lagere Kopf tief und bereite den ZVK vor, während Steffen eine Magensonde legt und sich dann an den Blasenkatheter macht. Die Arterie zeigt nun nach guten Drücken plötzlich 60/40 an. 55/35. Fuck.

“Die sieht gar nicht so aus als hätte sie den Druck.” – “Nee, finde ich auch.” -“Hast du da drüben nen Puls?”

“Omi, mach kein Scheiß!!!” murmelt Steffen während er am Handgelenk tastet. “Doch die hat mehr.” – “Mach mal die NIBP wieder dran.” Ah, 110/84 mmHg. Na also, Arterie gespült, ein Stück zrückgezogen. Lag an der Gefäßwand an. Passiert. Oberarzt kommt wieder. Zum OP hin guckt ein OP-Pfleger durchs Fenster wie weit wir sind.

“Ihr seid ja noch nicht drin?!” Jetzt kommt auch eine OP-Schwester, um die Akte nach Aufklebern und Checkliste zu durchwühlen. Ich bereite mich vor zur ZVK-Anlage bei der recht halslosen Patientin. Mein Oberarzt versenkt noch zwei dicke Zugänge, während Steffen sein vorbereitetes Noradrenalin in eine Perfusorspritze aufzieht und das Antibiotikum anhängt. Mit Ultraschall und viel Geduld bastele ich irgendwie den Draht in die Vena jugularis interna, als die Tür zum OP wieder aufgeht. Allgemeinchirurgische Oberärztin.

“Kommt ihr jetzt rein, es ist zehn nach!” – “In 2 Minuten!” gibt mein Oberarzt zurück. Aha, ich habe also 120 Sekunden Zeit, zum Aufdehnen, ZVK schieben, alle 3 Lumen testen und annähen. Danke auch, du fette Chirurgen-Kuh, wie oft warten wir auf euch? (Eigentlich ist die voll nett, aber das interessiert einen in der Situation nicht). Er macht eine Blutgasanalyse, ich frage beim Reinfahren per Telefon die Blutbak, ob es Konserven für die Dame gibt. Es gibt zwei, ich lasse auf 4 hochkreuzen. Während ich noch Beatmung einstelle und wir das Monitoring wieder anschließen, ziehen gefühlte 100 Menschen von der operativen Seite an Frau Müller, wollen dass ich auf den Tubus aufpasse. Mache ich natürlich. Steffen lagert die Arme, klebt eine Wärmedecke auf, ich schließe weiteres Monitoring an und lasse das Noradrenalin über den ZVK anlaufen. Der Bauch wird schon steril abgewaschen, die Operateure waschen sich ein, es werden Tücher geklebt. Alles was jetzt nicht an der Patientin ist, kommt auch nicht mehr dran. Ich gebe zum Schnitt Schmerzmittel nach, der Oberarzt bringt die BGA. Während ich drübergucke, geht die OP-Schwester, die nicht am Tisch steht die Checkliste durch. Wie automatisch spule ich meinen Part dazu ab.

Der Hb ist 8,8. -.- Wir lassen schon einmal 2 Erythrozytenkonzentrate (EKs) von der Blutbank kommen und im speziellen OP-Kühlschrank bunkern. Wird ja nicht besser durch die OP, vor allem da die Dame eher ausgetrocknet ist.Der reale Hb ist also unter Umständen noch niedriger.

“Anästhesie, wir fangen an!” – “Jaaa, gerne!” Immer für gute Stimmung sorgen, wird sonst auch nicht besser das ganze. “Ist die relaxiert? ICH BRAUCHE DIE TOP DURCHRELAXIERT!!!” Die macht doch gar nichts. Gedanklicher Mittelfinger.

“Hast du den PDK aufgespritzt?” fragt mein Oberarzt. “Nee, wollte erstmal den Druck einpendeln mit Noradrenalin.” Wir relaxieren nach, spritzen dann den PDK auf, in der Hoffnung dass wir dann kein Relaxans mehr brauchen. Wer am Bauch nicht autscht, presst für Gewöhnlich auch nicht. Nun da alle Schreihälse beschäftigt sind, kann ich mich ordnen und mein Protokoll vervollständigen, außerdem den PDK online anmelden, damit der Schmerzdienst auch von der Patientin weiß.

Soweit läuft es gut, ich musste nur das Noradrenalin anpassen, denn der Schmerzkatheter erweitertet durch Sympathikolyse alle Bauchgefäße und führt zu einem weiterem Blutdruckabfall. Aber das kennt man ja, mehr oder weniger haben das alle nach dem Aufspritzen. Mein Oberarzt löst mich kurz ab, damit ich einen Kaffee trinken kann. Ich merke erst jetzt, das ich Durst habe. Und Hunger. Nach der Stärkung geht es weiter, mein Oberarzt hat inzwischen ein Medikament gegen postoperative Übelkeit gegeben, eine zweite Infusion an an den ZVK angehängt und ein EK einlaufen lassen. Beim Vorpräparieren hatte es offenbar schon geblutet. Danach mache ich erst einmal eine BGA, um den Effekt zu sehen. Der Bauch ist inzwischen schon eine knappe Stunde offen, man sieht es an der Körpertemperatur. 35,6 °C – Tendenz fallend. Ich rufe Steffen an, er solle mir ein Infusionswärmesystem (Hotline(R)) anbauen, vor allem falls ich noch weitere EKs benötige. Die kommen schließlich aus dem Kühlschrank. Und eine gute Gerinnung erzielt man nur bei Temperaturen >36°C, unter 35,0°C extubiert man nicht. Auch für die Wundheilung und den Gesamtverlauf ist es schlecht, wenn Patienten auskühlen. Doch durch die Narkose (weite Gefäße) und den offenen Bauch lässt sich das anfangs nur bedingt verhindern.

In der nächsten BGA ist der Hb 9,1 – kann man erstmal so lassen. Dafür ist das Kalium zu niedrig, kann Herzrhytmusstörungen machen. Ich spritze 20mval in eine Infusion und lasse sie langsam tropfen (Kalium als Bolus oder im Schuss macht einen schwer bis nicht zu reanimierenden Herzstillstand). Das Calcium ist auch mau, vom EK. Blutprodukte sind mit Citrat antikoagliert, sonst würden sie ja in der Tüte schon Klumpen bilden. Vor allem gilt das für Frischplasma, das die ganzen Gerinnungsfaktoren enthält. Also beschäftige ich mich damit langsam fraktioniert Calciumgluconat zu geben (selbes Spiel, zu schnell = Herzstillstand). Immer ein Auge über dem Tuch, schätze ich gleichzeitig den Blutverlust über Tücher und Tüpfer. Während den eher unkritischen OP-Schritten, bilanziere ich meine Patientin schnell auf einem Schmierzettel. Flüssigkeitsdefizit durch Nüchterheit, Urinausscheidung, was wohl verdunstet ist über die Darmschlingen (viel weniger als man immer dachte). Im Moment bin ich noch gut im Rahmen mit der dritten und vierten RingerAcetat.

Das Noradrenalin muss ich noch etwas höher nehmen, ich möchte für Frau Müller einen Mitteldruck von mindestens 80mmHg, da sie hohe Blutdrücke gewöhnt zu sein scheint. Sonst kommt im Kopf nämlich oft nicht viel an und gerade ältere Herrschaften sind dann nach der Narkose sehr durcheinander. Intraoperative Herzinfarkte oder Schlaganfälle durch Minderdurchblutung sind natürlich bei sowas unsere große Angst, zum Glück aber sehr selten, wenn es sich um kurze Blutdruckabfälle handelt. Der Mensch ist ziemlich zäh, das lernt man schnell.^^

Nächster Blick geht zum Urinbeutel. Komisch, ist ja nicht gerade viel gekommen in der letzten Zeit. Doch zu wenig Volumen? Das Noradrenalin musste ich ja auch höher nehmen. Maskiere ich mir hier gerade mit Katecholaminen einen Volumenmangel? Die arterielle Blutdruckkurve hat gar nicht so viel “Swing” (Schlagvolumenvarianz, die Kurve unduliert insgesamt bei Volumenmangel). Hmm. Neue Blutgasanalyse. Anfangs ist mir der Hb nämlich trotz OP mit Blutverlust oft angestiegen – ein no-go, denn “eindicken” heisst man ist zu restriktiv mit der intravenösen Flüssigkeit. Während die meisten jungen Kollegen bei uns die Bauchpatienten meist überwässern (das Wasser zieht in den Darm, lässt die Schlingen aufquellen und kann eine Anastomoseninsuffizienz machen, also eine Undichtigkeit der End-zu-End-Darmnaht) und sich die Intensivoberärzte dann tierisch aufregen, weil sie das Wasser wieder raushämofiltrieren müssen, bin ich als anderes Extrem gestartet, sodass mein Oberarzt im OP am Ende oft noch nachgeschüttet hat.

Der Hb ist aber 9,0, also gleich geblieben. Flüssigkeit scheint nicht zu fehlen. Direkte Wirkung der Katecholamine auf das Vas afferens der Niere? So hoch läuft das Noradrenalin aber nicht, bisher kenne ich das nur bei höheren Dosen.

“Könnt ihr mal nach den Harnleitern gucken? Die pinkelt nicht mehr!” “Ist alles frei. Die Blase ist auch leer, an uns liegt es nicht.”

Das wäre das naheliegenste gewesen. Und die anderen sind ja auch so oft schuld.^^ Hmm. Ich bespreche mich mit Steffen, vielleicht hat er ja eine Idee. “Hast du mal nach dem Dauerkatheter geguckt? Vielleicht haben die den am Tisch abgeklemmt oder umgeknickt.” Gute Idee. Gucken geht bloß nicht, weil sämtliche Tischchen der OP-Pflege mit sterilem Instrumentarium im Weg sind. Und die kann ich ja schlecht wegschieben. Ich frage, ob ich mal nach dem DK gucken kann. “Nicht jetzt! Wenn wir die Anastomosen fertig haben!” Hrmpf. Ja, ist ja gut. Heisst ja wenigstens, dass sie gut vorankommen. Toll finde ich es trotzdem nicht. Ich will halt jetzt gucken, weil Geduld in der Anästhesie eher spärlich verteilt ist. Wir mögen Sachen die schnell wirken, Medikamente die schnell ankommen und gut funktionieren.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, guckt die Springerschwester dann nach dem DK – und stellt fest, dass er an der Konnektionsstelle abgefallen ist. Am ehesten weil einer der Operateure wortwörtlich “auf dem Schlauch stand”. Heisst, der Urin hat sich die ganze Zeit auf dem Boden ergossen. Und in die Schuhe der operierenden Oberärztin. Diese ist schon sauer genug und tritt zeitig ab, um sich neue Schuhe zu besorgen. Die Frage nach der Sockenfarbe (hellgelb oder eher dunkel) zur Bilanzierung erspare ich mir, die Arme ist schon “angepisst” genug.^^

So übergebe ich am Ende eine wache, extubierte, schmerzfreie Patientin ohne Katecholamine an die operative Intensivstation und habe die Lacher auf meiner Seite, als ich zwar die Einfuhr weiß, aber zur Ausfuhr nur grobe Angaben machen kann aus oben genannten Gründen. Bei meiner Nachvisite auf der Intensiv ist noch immer alles in Ordnung, Frau Müller sei die erste Verlegungsoption für die Nacht, habe keine EKs oder Frischplasmen mehr gebracht, keine Schmerzen (Jihaa, PDK sitzt!) und komme spätestens morgen früh hoch auf die IMC. Sie selber ist wach und freut sich mich zu sehen. Die Intensivärzte haben immernoch Spaß an der Geschichte mit dem Dauerkatheter und ich bin sehr froh, am nächsten Morgen nicht bei der chirurgischen Visite dabei sein zu müssen.

Routine

Wieder einmal Ambulanz. Gefühlter 13 Trillionster Patient (vielleicht waren es auch nur 25 davor).

Dicke Akte, allgemeinchirurgisch. Mir schwarnt nichts Gutes. Gar nicht. Aus der Akte entnehme ich eine schier endlose Krankengeschichte. Der Mann ist gar nicht mal so alt, Mitte 40. Aber er hat einen Morbus Crohn, eine chonisch-entzündliche Darmerkrankung. Ewigst viele Vor-OPs, elektiv und notfallmäßig wegen Darmverschluss. Chronisch offener Bauch. Vakuumtherapie, Bauchwandplastiken. Fisteln. Alles was niemand braucht.

Nachdem ich meinen Roman auf dem Narkoseprotokoll zu Papier gebracht habe, bitte ich den Mann hinein. Netter Typ, man merkt er mag die Mitleidstour nicht. Wir besprechen die Narkose, für ihn nichts neues. Ich spule meine Standardriskien ab, er was seit dem letzten Aufenthalt bei uns war.

“Erzählen Sie das alles etwas schon den ganzen Tag? Immer das gleich?” fragt er plötzlich nach einer Pause, in der ich notiere.

“Ja. Sie denn nicht?” frage ich mir großen Augen und bedeuerndem Lächeln zurück.

“Doch. Schon.” Er gibt mir den selben Blick zurück.

Wir verstehen einander.

Die Eine

Im Sommer war ich nun ja schon ein halbes Jahr dabei und bekam einen seltsamen Anruf. Von der PJ- und Studentenbeauftragten der Abteilung. Sie fragte, ob ich eine Famulantin übernehmen möchte – also eine Studentin, die bei uns in den Semesterferien eines ihrer Praktika absolviert. Klar doch, ich hatte schon Blockpraktikumsstudenten. Als Anfänger muss man immer schauen, dass man vor lauter Erklären und zeigen auch sein Protkoll ausfüllt und die OP nicht aus den Augen verliert, aber das geht allen so. Lernt man auch recht schnell.^^

Soso, ich sollte also eine Studentin betreuen, für 30 Tage. Ich erinnerte mich an mein PJ bei uns und an meine Tutoren – ich wollte einfach alles genauso machen. Alles machen lassen, fragen ob man was erklären oder lieber Fragen stellen soll. Am ersten Tag fing sie mich nach der Frühbesprechung ab, sprach mich höflich mit Nachnamen an. Ich winkte gleich ab, sagte sie könne mich beim Vornamen nennen. Auf dem Weg zum OP klärten wir alles wichtige, welches Semester, die wievielte Famualtur, schon einmal im OP gewesen? Nennen wir die Gute der Einfachheit halber mal Lisa. Es war ihre zweite Famulatur, die erste hatte sie bei uns in der Notaufnahme gemacht. Sie käme ins 7. Semester, hatte folglich noch kein Anästhesiepraktikum gehabt. Alles Neuland für sie.

Wir verstanden uns sofort, sie war lieb, ruhig und höflich, aber kein Mäuschen und auch kein bisschen schüchtern mit den Patienten. Vor allem aber war sie wahnsinnig interessiert, obwohl sie nicht plant Anästhesistin zu werden. Wir besprachen viel Pathophysiologie, sie wusste viel, fragte viel, las viel nach während der 30 Tage. Das ist der Schlüssel zur perfekten Famulatur bei uns. Eigentlich kann man alle Studenten bei uns in zwei Gruppen teilen: die, die Anästhesie machen wollen oder sich generell für die gesamte Medizin interessieren und bereit sind sich alles zu merken, einfach alles aufsaugen, egal woher. Und die anderen, die noch irgendeine Famulatur brauchen, oder ein Aushilfswahlfach weil sie Innere, Labormedizin oder Mikrobiologie machen wollen und gehört haben bei uns sei es ja so nett und man dürfe alles. Man darf bei uns auch viel. Wenn man zur ersten Gruppe gehört.

Lisa war und ist Paradebeispiel für Gruppe 1. Jemand, wo man sich als Anästhesist schon fast ärgert, dass sie nicht Anästhesie machen möchte. Und das lag hauptsächlich an ihrer Einstellung zu der Sache. Sie konnte vorher nicht intubieren, auch keine dicken Zugänge legen. Aber sie hat es bei uns gelernt, weil sie es immer wieder versuchte, wenn wir sie ermutigten, nie sauer war, wenn sie mal nicht ran durfte. Bei allem war sie extrem vorsichtig, ich musste nie Angst haben, dass sie dem Patienten Schaden zufügt, eher hat sie sich zu wenig zugetraut. Trotzdem gab sie sich Mühe, las zuhause nach und wusste, was sie tat. Das ist extrem wichtig in unserem Fach: bevor ich etwas mache, muss ich wissen was potentiell passieren könnte und was ich dann tue. Junge Menschen können durch das Legen einer Nadel oder die Intubation bradikard bis asystol werden. Daher ist die Reihenfolge immer Monitoring, dann pieksen. Auf jedes Medikament kann man allergisch reagieren, und sei es nur die lokale Betäubung zum Legen eines Schmerzkatheters oder einer Arterie beim wachen Patienten. Daher macht sowas auch als Arzt nicht ohne Pflege. Mit der Erfahrung kommt die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, das selbe gilt für schwere Intubationen. Aber das können Anfänger nicht, Studenten schon gar nicht. Also gibt es bestimmte Standardabläufe, die man abarbeitet. Verwirrend ist eben, dass sich viele Oberärzte irgendwann selber nicht daran halten, alles modifizeren und ihr Handeln nicht erklären.

Ich habe immer alles versucht zu erklären und Lisa hat sofort verstanden, wann eine Situation kritisch war und sie eben nicht im Weg stehen solle. Besonders positiv fiel sie natürlich auch bei Pflege und Oberärzten auf, in dem sie sich für nichts zu fein war. Infusion holen, warme Decke? BGA machen, Kabel abwischen? Kein Thema, macht Lisa ungebeten. Klingt blöd, aber man bekommt so eine Menge von der Pflege zurück, denn die Erfahrung von 30 Jahren Anästhesie kann einem kein Buch vermitteln. Niemand kann so gut Zugänge legen vermitteln wie eine erfahrene Anästhesiepflegekraft. Manche mag das an ein doofes Pflegepraktikum erinnern, wo die Pflege einen nur Schränkchen wischen lässt. Aber so darf man das nicht sehen. Man arbeitet im Team für den Patienten. Und wenn der zu kalt ist, kann ich ihn nicht extubieren, er hat eine schlechte Gerinnung, schlechte Wundheilung. Es ist völlig egal, wer die Infusion aus dem Wärmeschrank holt, hauptsache einer macht es. Und wenn der nicht in der Ausleitung nebenan ist, müsste ich den Patienten allein lassen, was nicht geht. Sonst würde ich diese ganzen Sachen nämlich selber machen, denn der Mythos Anästhesiepflege, die den ganzen Tag nur rumsitzt und zum Ein- und Ausleiten mal aus dem Sessel aufsteht, ist bei uns schon lange nicht mehr haltbar. Die haben kaum mehr Pausen als wir.

Egal, jedenfalls mochte jeder Lisa sofort und eben nicht, weil sie alles schon konnte, sondern weil sie sich ehrlich bemühte und verstand, warum sie ein wichtiger Teil das ganzen war. Die meisten können nach 4 Wochen bei uns Viggos legen, Larynxmasken schieben und einfache Intubationen durchführen. Die komplexen Konzepte hinter allem, das viele Nachdenken über Dosierung (Schmerzen vs. Überhang, Volumenüberladung vs. Exsikkose, unnötige Transfusion vs. schädlicher Abfall von Hb und Gerinnungsfaktoren… etc), Konzepte, Pathophysiologie und das abturfen von Komplikationen durch vorausschauendes Arbeiten (und Kennen seiner Pappenheimer^^), kapieren nur wenige. Die haben aber am Ende auch verstanden, was Anästhesie spannend macht. Auch wenn wir sie damit nicht alle bekehren, die langweilen sich auch am letzten Tag noch nicht… Lisa war so jemand. Und jeder weitere Student wird es bei mir verdammt schwer haben, denn sie hat die Messlatte extrem hoch gehängt.

Ambulanz

“Ich musste jetzt schon den zweiten Tag in die Ambulanz!” – “Echt, hast du Mist gebaut oder warum?” Typisches Gespräch bei uns in der Abteilung. Keiner reißt sich so wirklich darum in die Prämedikationsambulanz zu gehen. Schon gar nicht in die für ambulante Patienten, denn da ist man allein als Arzt und die Patienten warten vor der Zimmertür. Stoppen die Zeit, die man so braucht. Sie sind angenervt, denn als ambulante Patienten, haben sie schon eine kleine Weltreise hinter sich. EKG, Labor zur Blutentnahme, eventuell Röntgen, Aufklärungsgespräch mit der operierenden Abteilung, ggfs. weitere Zusatzuntersuchungen. Der Gedanke dahinter ist klar: Patient kommt einmal in die Klinik, durchläuft alles, geht wieder nach Hause und kommt am Morgen der Operation von zu Hause. Vorstationär heisst das ganze, das spart Geld. Denn man belegt als “noch nicht operierter Patient mit Elektiveingriff” die Nacht vor der OP kein Bett. Und man schläft daheim, toll oder?

Jedenfalls sagt den Patienten offenbar keiner, dass sie für den vorstationären Tag lieber viel Zeit mitbringen. Je nachdem wieviel Betrieb herrscht, warten sie schon manchmal eine halbe bis ganze Stunde an einer Station. Zu mir kommen sie zuletzt, teilweise 3 bis 4 Stunden nachdem sie am Morgen das Gebäude betraten. Da hätte ich auch keine Lust mehr und schlechte Laune. Die habe ich aber auch, wenn ich dort hinmuss. Wenn man mich aus dem OP abzieht, nicht um 9 Uhr wie geplant sondern erst um 11 Uhr, weil vorher niemand meinen Saal weiterführen kann. Jemand von uns ist krank geworden, OP muss trotzdem laufen. OP-Zeit ist verdammt teuer, die Operateure wollen was schaffen. Also haben die Patienten vor meiner Tür noch 2 Stunden zusätzlich gewartet, ohne dass etwas passierte. Da hilft nur offensive Nettigkeit, bei mir gab es selten Beschwerden oder Aufruhr, aber das sei wohl auch anders gewesen. Kollegen von mir hätten heulend im Zimmer gesessen, wäre völlig ausgerastet, weil jeder zweite Patient sie für etwas beschimpfte, was sie nicht zu verantworten hatten. Die Damen dort sind eine Hilfe, sie besänftigen die Leute und bringen mir Kaffee und Kekse. Aber leider nicht wie in der Hauptambulanz.

Die Chefin der Hauptambulanz hat den Laden einfach im Griff, freundlich aber bestimmt macht sie klar, dass Beschwerden nichts bringen außer noch mehr schlechter Stimmung. Sie schickt die Leute nochmals Kaffee trinken, wenn es sich staut. Außerdem ist man mindestens zu zweit und die Patienten warten draußen in einem seperaten Wartebereich. Es geht flotter und sie können schlechter beobachten wie lange es dauert. Denn was sie nicht wissen können – ein Narkosegespräch ist sehr individuell. Wenn Patienten eine riesen Akte mitschleppen sind sie in der Regel etwas kränker als der 20Jährige zur Kniespiegelung mit seinen drei Zetteln (Labor, OP-Aufklärung, Aufnahmeboge) in der Akte. Außerdem gibt es Patienten, die schon so oft operiert wurden, dass man ihnen rein gar nichts mehr zur Narkose erklären muss. Die wissen genau, morgens kein Frühstück, Zahnprothesen raus, Tablettchen nehmen und go. Die haben auch eine Liste mit ihren aktuellen Medikamenten mit, denn sie haben verstanden, dass ein Arzt immer wissen muss, was sie für Tabletten nehmen und wieviel.

Andere haben aber noch viele Fragen, bekommen vielleicht Schmerzkatheter, die helfen aber kein Muss sind. Dann wollen sie natürlich alles darüber wissen, um eine Entscheidung zu treffen. Das selbe gilt für Regionalverfahren. “Bin ich dabei dann echt ganz wach?” Das Konzept der Sedierung wird erklärt, die Vor- und Nachteile des jeweiligen Verfahrens. Und dann soll der Patient sagen, was er möchte – sofern es Alternativen gibt. Das alles dauert eben ein bisschen. Und wer solange gewartet hat, will auch oft noch einmal alle seine Krankheiten und Gebrechen erzählen, 10000 Sachen fragen, vor allem wie, was und warum überhaupt operiert wird, wie lange man stationär in der Klinik bleibt, wann man dies und jenes wieder darf. Das alles muss natürlich der Operateur sagen, aber da haben sie meist nicht dran gedacht, denn der stellt aus Zeitgründen oft nicht die heikelste Frage des ganzen Gesprächs: “Haben Sie denn jetzt noch Fragen dazu?”

Es gibt wohl keinen Satz, den ich schon so oft sagte und auch so oft bitterlich bereute. Denn so direkt gefragt, hat man welche. Immer. Aber ist ja ok, das ganze ist nur für mich Alltag, nicht für mein Gegenüber. Wenn man das nicht vergisst, hat man schon viel geschafft. Und dann macht Ambulanz auch Spaß, denn soviel Patientenkontakt haben wir selten. Morgen bin ich wieder in der Ambulanz, in der großen zum Glück. Und vielleicht werden wir ja auch mal bis zum Feierabend fertig mit allem, vielleicht habe ich sogar eine Pause. Oder auch nicht. Ich werde die heikele Frage trotzdem stellen… ich rede dann einfach etwas schneller.^^

Ha!!!

Sooo, mir ist das PW bzw. der richtige Username wieder eingefallen. Ist halt schwierig, wenn man schon so viele Blogs hatte und sich auch sonst soviele Logins und PW merken muss. ^^

Kurz gesagt – mir geht es sehr gut. Ich bin nun schon über ein Jahr in der Klinik, immernoch an der Uni und immernoch in der Anästhesie. Und es ist zurzeit richtig großartig. Die Arbeit selber hat mir ja schon die ganze Zeit Spaß gemacht, die anfänglichen Schwierigkeiten haben sich einigermaßen gelegt und die Leute, mit denen ich noch immer nicht zurechtkomme, werden wohl auch nie meine Freunde. Aber sonst komme ich extrem gut zurecht und habe meinen Platz gefunden. Ich bin in einer Forschungsgruppe (Intensivmedizin) und habe da gute Konnektions, bekomme gutes Feedback von Oberärzten, Studenten und Patienten, habe in der Zeit extrem viel gelernt und insgesamt über das Jahr eine Überstunde angesammelt! Ernsthaft, ich gehe fast jeden Tag pünktlich oder überpünktlich nach Hause, habe im Schnitt pro Monat 2 Nachtdienste und 2 Rufbereitschaften – die kann man sich an bestimmten Tagen wünschen oder wenn sie einem nicht passen, mit anderen Kollegen tauschen. Das klappt meistens echt gut, wobei ich selten tausche muss.

Inzwischen habe ich verschiedene Bereiche durchlaufen und natürlich hat mir die Bauchchirurgie am besten gefallen. Dort war ich insgesamt 7 Monate, was perfekt war, denn es ist von der Narkoseführung her das schwerste Fach. Und thorakale PDKs sind immernoch sehr aufregend, immerhin sticht man mit der dicken Nadel zwischen die Wirbelkörper und weiß, dass einen knappen cm weiter das Rückenmark kommt. Aber auch die vielen Kindernarkosen und Naseneingriffe (sehr schmerzhaft) in der HNO haben mir super gefallen, vor allem weil auch da ein gewisser Zeitdruck wegen des straffen OP Programms herrscht. Auf den Punkt ausleiten, also genau wenn alles fertig ist einen wachen, kooperativen, schmerzfreien Patienten zu extubieren, war da meine tägliche Herausforderung. Dafür, dass man den zugeklebten Kopf ja nicht sieht, hat das meistens echt gut funktioniert – zu früh wach geworden ist mir niemand.

In dem Jahr habe ich natürlich in Diensten Notfälle betreut, abgerissene Gliedmaßen oder Hirnblutungen in der Neurochirurgie. Aufregend, aber irgendwie wächst man da herein und hat bei den kritischen Geschichten immer sehr viel backup von Fach- und Oberärzten. Meinen ersten Vortrag auf einem Kongress musste ich auch schon halten, demnächst steht noch ein Vortrag in der Höhle des Löwen (chirurgische Fortbildung) an.

Aber Arbeit ist natürlich nicht alles, denn an Freizeit mangelt es nicht und auch nicht an deren Gestaltung. ^^ Ich bin immernoch leidenschaftliche Läuferin, das Training für die nächsten Halbmarathons ist in vollem Gange. Außerdem habe ich mit Enduro und Freeride Mountainbiken angefangen, meine neue Wohnung direkt am Wald begünstigt beides. Downhill kommt dann noch dazu, sobald ich mein neues Fully habe – Connections zu einem Bikerstammtisch sind auch schon da. Schwimmen gehe ich immer, wenn ich meine Herzsportgruppe betreue. Meine Wohnung ist richtig schön geworden, ich habe wunderschöne Wohnzimmermöbel von Hülsta und ein tolles Kuschelsofa in beige (bevor man Kinder hat musste ein helles Sofa her^^). In den Urlaub geht es dieses Jahr wieder an die Ostsee, diesmal mit Kitesurfkurs und nach Österreich zum Biken. Die große Canadareise inklusive Whistler ist für 2014 geplant.

Und was ist bei euch so los? Es freut mich total, dass hier trotz meiner langen Blogpausen immernoch so viele Leute vorbeischauen und mein Geschreibsel lesen. Ich versuche mich wieder öfter zu melden, versprochen! <3

viel zu sagen, keine Worte

Derzeit bin ich mir sehr unsicher wie es hier weitergehen soll. Schon mehrfach wollte ich einfach alles löschen, einen Schlussstrich ziehen. Mir fehlt die Zeit hier regelmäßig alles niederzuschreiben. Ich bekomme meinen Alltag so kaum geregelt, vernachlässige Freunde und mache alles halbherzig. Das soll so nicht sein und trotz des brach liegenden Weblogs kommen an manchen Tagen über 100 Menschen hier auf diese Seite. Warum ist das so? und kann ich die Seite dann so einfach löschen ohne es eventuell zu bereuen?

der ganz normale Wahnsinn

Danke für eure treuen Besuche, es geht mir gut und alles ist in Ordnung. Ich habe mich im Job etwas eingelebt, nun meinen eigenen Saal und langsam auch das Gefühl, ich könnte das wirklich irgendwann mal ganz gut machen. Natürlich bin ich schon das eine oder andere Mal auf die Nase geflogen, habe mich von Operateuren oder anderen Abteilungen verarschen lassen, bin in Fallen gelaufen, die ich mit der wenigen Erfahrungen nicht vorhersehen konnte. Merke: Wenn ein Patient mit Larynxmaske & Gasnarkose eine Apnoe für mehrere Minuten benötigt, weil eine Fremdabteilung das will, sollte man bei leberenzyminduzierten Patienten etwas Propofol dazugeben. Denn aus 30 Sekunden werden bei Nicht-Medizinern schnell mal 3 Minuten und dann kann es sein, dass die Narkose zu flach wird. Mit Bronchospasmus. Und einem Oberarzt, der dann unter widrigen Bedingungen intubieren muss. Meeeh, ich wollte eh gleich einen Tubus. Oder eine TIVA. Oder keine Apnoe. Aber ich habe da nunmal nichts zu wollen.

Was mir im PJ nie so aufgefallen war: es gibt sehr große Unterschiede bei der Anästhesiepflege. Manche Schwestern und Pfleger sind einfach super, lenken Oberärzte in die Richtung, die ich möchte, richten vorausschauend, denken mit, nehmen einen Ernst und geben Tipps, wenn man sich unsicher ist. Es gibt eine Hand voll, die ich wirklich großartig finde und denen ich auch mein eigenes Leben anvertrauen würde. Allerdings hatte ich auch schon das Vergnügen mit denen, die ihre Arbeit nicht so ernst nehmen. Die einfach die ganze Zeit weg sind, ohne sich abzumelden. Die wenn sie da sind nur am Handy spielen, nicht mitdenken, Drei-Wege-Hähne nicht umdrehen, Antibiotika so mischen, dass ewig kleine Klümpchen drin sind (die schießen theoretisch Embolien). Nicht wirklich fahrlässiges, aber lästiges Verhalten. Ich habe genug mit mir zutun, da muss ich nicht auch noch unbedingt für meine Pflege mitdenken. Und meistens fühlen diese sich dann auch noch angegriffen, wenn man ihre Arbeit überprüft. Medis ohne Aufkleber wegschmeißt, das Narkosegerät lieber noch einmal selbst testet, Leistungen und Schläuche sichert, Arme neu lagert. Mittlerweile bin ich da schmerzlos, sollen sie sauer sein, es ist meine Verantwortung und sie könntne ihre Arbeit ja auch zumindest so gewissenhaft erledigen, dass nicht jeder blutige Anfänger gleich die kleinen Schlampigkeiten erkennt, die sich nach Jahrzehnten offenbar manchmal einschleichen.

Neben der Arbeit geht es gerade auch turbulent zu. Bei dem ganzen Umzugsstress noch zu lernen, ist etwas schwierig und durch Knieprobleme lief mein Halbmarathontraining in den letzten Wochen auch nicht besonders gut. Der Sturz hat mehr kaputt gemacht als zunächst gedacht, sehr viel Stabi und Alternativtraining haben zumindest dafür gesorgt, dass ich wieder 2stellige Kilometerzahlen am Stück laufen kann. Das neue Fitty um die Ecke hilft mir sehr, auch wenn ich zurzeit meistens einfach nur noch schlafen will. Meine Mädels, die jetzt noc Examen machen, haben leider kein Verständnis dafür, dass ich in der Woche abends nichts mehr mit ihnen unternehmen kann und an den Wochenende haben sie nie Zeit – obwohl sie doch EXTRA ein Lernsemester nahmen und im November mit dem Lernen begannen, damit sie die Wochenenden frei machen können. Jaja, bin mal gespannt, wie die kurz vorm Examen drauf sind. Dass sie mir beim Umzug helfen, habe ich gleich angezweifelt, als eine es anbot – da weiß ich lieber vorher voran ich bin und manage den Umzug allein mit meinem Vater.

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